Das gewisse Etwas

Architektur braucht Begeisterung für Raum, Material und Licht, fürs Entwerfen, Planen und Bauen. Je mehr davon vorhanden ist, umso besser wird ein Gebäude, eine Siedlung, eine Stadt. Was aber entfacht die Begeisterung überhaupt?

Was ist das gewisse Etwas, das den Reiz ausmacht? Und wie bleibt die Faszination im oft harten Alltag des Planens und Bauens erhalten?

Zwölf Architekt*innen haben diese Fragen mit je fünf Gegenständen beantwortet. Daraus ist eine Sammlung aus gut sechzig spannenden Objekten und Geschichten entstanden, die auf sehr persönliche Weise die Begeisterung für Architektur zum Ausdruck bringen – vom geliebten Arbeitsgerät über den kuriosen Baustellenfund bis zum inspirierenden Zitat. Wir laden Sie sehr herzlich ein, sich von der spannenden Fülle an Objekten und Geschichten anregen, überraschen und begeistern zu lassen.Mit der aktuellen Ausstellung wird der Begeisterung für Architektur nachgegangen.

"So sind wir halt!"

Gewisse Etwas 05

# STIFT
Andreas Henter: Ich verbinde diesen Stift mit der Frage nach dem WARUM.
Nach meiner Ausbildung zum Tischlergesellen (Holzfachschule in Hallstatt) bin ich an das Möbeldesign- und Innenraumcollege nach Pöchlarn gegangen, wo ich zwei Jahre später auch maturierte. An einem der ersten Tage wurde uns dieser Stift (Tombow Zoom 707) gezeigt, - für mich war das meine erste bewusste Konfrontation mit Design und eben mit der Fragestellung nach dem WARUM! - warum sieht es etwas so oder so aus? – eine Frage, die uns in unserer Arbeit bis heute beschäftigt!

# TORX
Markus Rabengruber: Ich habe wie Andreas in Hallstatt die Schule (HTL) besucht und bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Da gibt’s immer was zu tun, immer was zu arbeiten und immer was zu schrauben. Mich hat immer wahnsinnig geärgert, dass es nur diese Kreuzschrauben gegeben hat. Sobald du nur ein bisschen schräg angesetzt hast, bist du abgerutscht. Ich war dann so froh, als sich endlich das Torx-System durchgesetzt hat. Das ist für mich eine geniale Erfindung. Es ist ja nur eine ganz kleine Änderung, aber die verändert alles beim Schrauben - also eine Art Evolution des Bauens. Das ist es, was mich fasziniert...

Gewisse Etwas 01

# BIERGLAS (Tulpe „Zipferbier“)
AH: Auf diesem Bierdeckel ist die Tulpe zu sehen, ein Bierglas, das stapelbar war. Entworfen hat es Friedrich Goffitzer, unser Hochschulprofessor hier in Linz, zwei Generationen vor Peter Haimerl.
Für mich erfüllte sich ein Traum als ich auf die Kunsthochschule gehen und dort studieren konnte. Bei der Aufnahmeprüfung treffe ich nun auf diesen Goffitzer, eine sehr starke Persönlichkeit, eine graue Eminenz. Das war für mich ein einschneidendes, ja, fast ein unwirkliches Erlebnis. Wie beim Stift verbinde ich auch dieses Zipferglas wieder mit der Frage nach dem „WARUM“ - und wie schon zuvor erwähnt, ist es aber genau diese Fragestellung, die mich (uns) bis heute beschäftigt. Damals wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, ein Glas zu stapeln, - Prof. Goffitzer hat aber grundsätzlich darauf bestanden, dass wir die Dinge ganzheitlich denken…

# LATERNENKONSTRUKTION
MR: Das ist eine Skizze aus dem Studium. Wir sollten einen Meditationsraum entwerfen. In meiner Heimat, Richtung Passau, bei Esternberg, gibt es einen kleinen See in einem ehemaligen Steinbruch. Der Ort ist extrem spannend: eine ruhige Wasserfläche, dahinter die steil aufragende Felswand. Da wollte ich etwas zum Thema Wasser und Kontemplation bauen: aus dem Felsen wird ein Kanal gestemmt, aus dem Abbruch eine Mauer errichtet, dazu ein Bootshaus aus Holz. Mit dem Boot fährt man das kleine Stück zur Felswand. Dort gibt es einen Einschnitt von etwa zwanzig Metern Höhe, wo eine Laterne hochgezogen werden kann. Die Zeichnung zeigt die Laternenkonstruktion. Die Idee ist sehr bildhauerisch, stark beeinflusst von Walter Pichler, denn seine Arbeiten inspirieren mich bis heute. Diese Verbindung von Architektur, Natur, kultivierter Landschaft, dass etwas in seiner Gesamtheit so ansprechend ist, ist für mich einfach überwältigend.

Gewisse Etwas 02

# BERLINFÜHRER
MR: Den Stadtplan von Berlin habe ich mitgebracht, weil ich dort ein halbes Jahr studiert habe.
Ich habe in einem Plattenbau, gleich bei den Hackeschen Höfen, gewohnt. Der Plan hat mich ständig begleitet, dafür schaut er eigentlich noch recht gut aus. Ich bin ein absoluter Liebhaber von Plänen und sammle sie, wenn ich auf Urlaub bin. Auch wenn es nur ein grindiger Gratisplan ist, dann nehm ich mir den mit. Diese unterschiedlichen Ästhetiken, von schwarzweiß bis färbig, die verschiedenen Maßstäbe, dass fasziniert mich. Ich kann mich ewig verlieren in Stadtplänen oder Landkarten. Das ist einfach ein Faible von mir und das hat viel mit meiner Begeisterung für den Raum, fürs räumliche Denken zu tun.

# KOLLEKTIVE INTELLIGENZ
AH: Wir sind im Jahr 1997, Roland Gnaiger war mittlerweile Professor und ich wurde von ihm sehr enttäuscht - ich habe ihn damals einfach nicht „verstanden“ und mit ihm gebrochen. Da habe ich mich der Theorie zugewandt, habe Paul Virilio gelesen, habe versucht, Texte zu schreiben und kein einziges Projekt mehr gezeichnet. Und dann kam Patrik Schumacher als Gastdozent nach Linz und spricht auf einmal über ganz neuartige Dinge – und so sollten wir eine Textstelle aus einem Buch verräumlichen. Dieses Buch (Pierre Levy) liegt deswegen hier, weil ich daran gescheitert und zugleich gewachsen bin. Durch die Begegnung mit Schumacher habe ich begriffen, dass ich mir die Texte zwar erlesen, aber nicht verinnerlicht hatte - und so konnte ich, durch die doch sehr intensiven Gespräche mit Schumacher, mein „Praxis vs. Theorie-Dilemma“ abschließen…

Gewisse Etwas 03

# RUDOFSKY
MA: Als Studienanfänger war ich nicht unbedingt stolz auf meine ländliche Herkunft. Mit diesem Buch habe ich aber gelernt, das anders zu sehen, denn durch Rudofsky habe ich verstanden, dass im einfachen, ruralen Bauen, das mir von Kindheit an vertraut war, eine innere Ästhetik liegt, die universell ist, die jeder Mensch auf der ganzen Welt versteht. Im Detail schaut es zwar überall ein bisschen anders aus, aber strukturell gibt es immer Ähnlichkeiten. Es basiert immer auf dem Vorgefundenen, was da ist und was benötigt wird, um sich den jeweiligen Umweltbedingungen bestmöglich anzupassen - immer in einem engen Zusammenspiel mit der Natur. Das ist für mich schon wesentlich, denn diese Verbindung von Bauwerk und Natur wird in Zukunft sicherlich noch wichtiger werden!

# MODELL IN HAAG
MA: Im Jahr 2001 habe ich an einem Wettbewerb in Haag am Hausruck teilgenommen. Es war eines meiner ersten selbstständigen Projekte. Städtebaulich und funktional habe ich die Aufgabe ganz gut in den Griff bekommen, war dabei aber komplett überfordert, den Entwurf in einer entsprechenden Qualität darzustellen. Dem Modell sieht man das auch an. Aber es trifft trotzdem eine architektonische Aussage die mich anspricht und die für mich nach wie vor gültig ist: das Denken vom öffentlichen Raum her, das Arbeiten mit Hofstrukturen, das Wechselspiel von gefassten und offenen Räumen, das Schaffen schützender Strukturen, ein bisschen abseits der Dogmen der Moderne – das alles beschäftigt mich (uns) bis heute.

# WHY IS MORE
AH: Im Jahr 2015 haben wir uns mit dem spanischen Architekturbüro eddea über städtebauliche Entwicklungsprozesse ausgetauscht. Entstanden ist daraus die Projektstudie „Citythinking – Why is More“ auf Grund dessen wir zum Ars Electronica Festival eingeladen wurden. Es ging uns um strategische Entwicklungsprozesse und wieder einmal um die Frage nach dem „WARUM“ – denn wir wollten aufzeigen, dass jede Veränderung und Entwicklung von einem kategorischen „warum“ begleitet wird. In der Entwicklung der Natur wird alles perfektioniert, um effizienter zu sein - aber nichts ist ohne Grund größer, feiner oder höher! - Die mitgebrachte, kleine Broschüre, ist die Zusammenfassung unseres Projektbeitrages für das Ars Electonica Festival.

Gewisse Etwas 06

# AUS DEM GLEICHEN HOLZ
AH: Die beiden Stäbchen, das sind wir beide, Max und Andreas. Wir sind grundsätzlich aus dem gleichen Holz geschnitzt, aber trotzdem in vielen Nuancen sehr unterschiedlich. Im Wesentlichen erfüllen wir die gleichen Funktionen, wir sind gleich stark, gleich groß - zusammen sind wir aber doch noch einmal stärker. Unser gemeinsames Büro ist für mich ein Lebenstraum, denn das Büro hätte ich vielleicht alleine nicht geschafft. Bei all unseren unterschiedlichen Sichtweisen, die wir immer wieder einmal haben, ziehen wir trotzdem an einem Strang. Es ist für Außenstehende oft kaum zu begreifen, wie unterschiedlich wir an eine Frage herangehen, um am Ende doch die gleiche Idee zu verfolgen. -"So sind wir halt!"

Anderen Architekten fehlt das manchmal, glaube ich, die missen eine solche Partnerschaft, - auch ich würde sie missen!...

Konzept und Gestaltung: Tobias Hagleitner | Layout und Grafik: Uschi Reiter
Produktion Ausstattung: Leonie Reese | Video und Projektion: Reinhard Zach
Foto: Violetta Wakolbinger