CAMPUS 9 - DEN BEZIRK WEITERSCHREIBEN
„Auf den Spuren der alten Gleisanlagen entsteht ein vernetzter Bildungsort, der die Stadt wieder in Bewegung setzt!“ Ein Campus auf alten Gleisen, strukturiert wie Waggons, vernetzt wie die Stadt. So formen die linear aneinandergereihten Baukörper eine Abfolge von Orten, in denen Lernen, Begegnung und Stadtraum ineinander übergehen.
… nicht als Sinnbild einer Abgrenzung, eines abgeschlossenen Areals, sondern als seine Überwindung! Der Titel verweist auf die Geschichte des Ortes, der jahrzehntelang „eine Insel in der Stadt“ war. Der Entwurfsansatz erzählt von seiner Wiedereingliederung.
AUSGANGSPUNKT:
Die besondere Herausforderung dieser Arealentwicklung liegt in ihrer historischen Prägung: Über Jahrzehnte als überbautes Bahnplateau genutzt, war das Gebiet schwer zugänglich, nahezu vollständig versiegelt und eine räumliche Insel inmitten der Stadt. Der neue Campus soll diese Barriere räumlich wie symbolisch überwinden und das Areal wieder in den umgebenden Stadtraum integrieren.
Der Entwurfsansatz versteht das Planungsgebiet nicht als isolierten Bildungsstandort, sondern als integralen Bestandteil des 9. Bezirks und der Stadt Wien. Das Areal wird als Quartier begriffen, in dem die Stadt weitergedacht wird. Die Aufgabe wird daher im städtebaulichen Gesamtzusammenhang betrachtet: Wie kann sich der Alsergrund mit seiner dichten, heterogenen Struktur in das Areal fortsetzen und einen übergreifenden Stadtteil definieren?
Aus dieser Fragestellung entwickelt sich ein Konzept, das die Transformation des Althangrunds als kontinuierlichen urbanen Prozess versteht. Bestehende Strukturen werden aufgegriffen, verknüpft und in eine neue räumliche Logik überführt. - Das vormals abgeschlossene Bahnareal wird durch eine fein gegliederte, vernetzte Struktur wieder Teil der Stadt. Anstelle einer monolithischen Großform entsteht ein offenes städtebauliches Gefüge aus verbundenen Baukörpern, Plätzen und Freiräumen.
Poröses Gefüge und Maßstäblichkeit – ein atmendes Stadtgefüge
Das städtebauliche Konzept interpretiert den Althangrund als poröses System urbaner Schollen, die sich wie tektonische Platten in die bestehende Stadtstruktur einfügen. Es entsteht ein offenes, atmendes Gefüge, das auf unterschiedliche Maßstäbe reagiert – von der Gründerzeit bis zur Weite des Donaukanals. Zwischen den Gebäuden entstehen Freiräume als verbindende Zonen des Austauschs und der Bewegung.
STÄDTEBAULICHES KONZEPT
Der Entwurf formuliert den städtebaulichen Ansatz als System urbaner Schollen, die als Sockelzonen einen neuen Stadtboden ausbilden. Sie greifen Maßstab, Rhythmus und Körnung der Gründerzeitbebauung des 9. Bezirks auf und vermitteln zwischen dem gewachsenen Stadtraum und dem neuen Bildungscampus. Als tragende Struktur bilden die Schollen die Grundlage für die darüber angeordneten Baukörper und fungieren zugleich als verzahntes Netz aus Wegen, Höfen und Terrassen. Auf diese Weise entsteht ein fließender Übergang vom öffentlichen Stadtraum zu den Bildungsbereichen und weiter in die Einrichtungen selbst – durch klar definierte, jedoch bewusst weich ausgebildete Raumgrenzen und präzise choreografierte räumliche Sequenzen.
Auf diesen Sockelstrukturen entwickeln sich linear organisierte Baukörper, die sich in Analogie zu historischen Stadtstrukturen sanft gegeneinander verschieben. Dieses Verschieben erzeugt ein fein austariertes Spannungsfeld zwischen Dichte und Offenheit. Die Baukörper definieren klar gefasste Freibereiche und bleiben zugleich in ihrer Struktur anpassungsfähig gegenüber zukünftigen programmatischen und räumlichen Entwicklungen.
Die Gestaltung der Außenräume als zusammenhängende, fließende Landschaft – im bewussten Kontrast zur bestehenden Situation mit harten Kanten – macht die historische Topografie der Bahnüberplattung als räumliche Sequenz erfahrbar. Ein durchgängiges, barrierefreies Wegenetz verbindet alle Ebenen und verknüpft Julius-Tandler-Platz, Althanstraße und den Donaukanal miteinander. Im Zentrum des Campus weiten sich die Außenräume zu einem zentralen Stadtplatz, der als identitätsstiftender Mittelpunkt des neuen Quartiers fungiert und von dem aus sämtliche Nutzungen sowie das bestehende UZA II in eine visuelle Beziehung gesetzt werden.
ARCHITEKTONISCHES KONZEPT
Ziel ist eine klar strukturierte und zugleich wandelbare Architektur, die auf die Programme von Lehre, Forschung, Austausch und Freizeit reagieren kann, ohne ihre räumliche Klarheit zu verlieren. Die Baukörper bilden eine robuste Grundstruktur, reagieren flexibel auf unterschiedliche Nutzungen und bleiben zugleich als zusammenhängender Campus lesbar. Jeder Baukörper besitzt eine klare Adresse und eine offene Beziehung zum Außenraum.
Der Freiraum wird dabei als primäres architektonisches Medium verstanden. Wege werden zu Begegnungsräumen, Höfe zu urbanen Aufenthaltsorten und Dachflächen zu Lernlandschaften. Der Außenraum durchzieht das Areal, verbindet die Baukörper, unterstützt Orientierung und prägt die Identität des Campus. Offen gestaltete Bereiche und differenzierte Rückzugsräume bilden ein ausgewogenes räumliches Gefüge.
Die Architektur versteht sich nicht als ikonografisches Statement, sondern als Träger urbaner Kontinuität. Proportion, Körnung und Materialität leiten sich aus dem städtebaulichen Kontext ab. Offene Erdgeschosszonen und gestaffelte Baukörper erzeugen Durchlässigkeit und verankern das Areal im umgebenden Stadtraum.
So wird das vormals isolierte Areal wieder Teil des urbanen Gefüges. Der Campus Althangrund wird als offeene Stadtschicht gedacht, in der sich Wissenschaft, Öffentlichkeit und Alltag überlagern. Die Transformation wird zu einem architektonischen Akt der Wiedereingliederung – nicht durch ein neues Symbol, sondern durch die bewusste Weiterführung des Bestehenden und das Schaffen von Raum für Neues.
Temporärer Althan-Park
Guter Stadtraum – auch zwischen den Bauetappen
Die Organisation des Bauablaufs stellt sicher, dass das Stadtviertel bereits nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts als „vollständig“ wahrgenommen wird. Durch die Einbindung des ehemaligen WU-Gebäudes in den zweiten Bauabschnitt entstehen in der Zwischenzeit kaum brachliegende Flächen. Die Baufelder der weiteren Neubauten können temporär als Park genutzt werden. Die dabei eingesetzten Bäume werden bei Umsetzung der zweiten Bauetappe innerhalb des Areals oder im unmittelbaren Umfeld weiterverwendet.